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24.01.2010 von eb , - Aktuelle blogs

Nr.#198 Perfide Verdrehungen

Sozialphilosophie außerhalb der Erde.

Philosophen scheinen bei uns im Lande mittlerweile generell, eine Sonderstellung als bezahlte Sprachrohre für neoliberale Propaganda zu erlangen. Welch perfide Methoden dabei benutzt werden, zeigt uns ein Wolfgang Kersting in einem FAZ-Artikel zu alleinerziehenden Eltern im "Wohlfahrtsstaat".

"Der Sozialstaat gleicht immer mehr einem totalitären Regime, das die Familien zerschlägt", sagt der Kieler Sozialphilosoph Wolfgang Kersting. Kersting ist kein Konservativer von gestern, der bestreitet, dass der soziale Wandel die Familienwelt individualisiert hat. "Aber warum muss der Staat dies auch noch mit finanziellen Anreizen unterstützen?", fragt er: "Damit beschleunigt der Wohlfahrtsstaat die Zerstörung der Familien." Und lässt sich das auch noch von den Steuerzahlern teuer bezahlen.

Eines ist für den Philosophen klar. Der Staat macht das nicht aus moralischen Motiven der Gerechtigkeit, sondern aus eiskaltem politischen Kalkül. Er macht sich seine Bürger zu abhängigen Untertanen und erwartet dafür Dankbarkeit in Form von Wählerstimmen.

Ehrlich gesagt, - wollte ich gar nicht glauben, was ich da gelesen habe. Die komplette Übernahme einer gegnerischen Argumentation, - ideologisch umgefärbt, und mit neuem Ziel versehen. Ersetzen wir die Worte "Sozial-, Wohlfahrtsstaat" mal durch "neoliberaler Politideologie". "Sozialer Wandel" durch "geistig ökonomisierten Wandel", und "finanzielle Anreize" durch "finanziellen Entzug". Bei dem Mann kann man eigentlich generell, "Sozial" durch "Kapital" ersetzen.

Alleinerziehende sind ein großes Geschäft - zumindest für die Wohltäterindustrie von Kirchen, Gewerkschaften, Arbeitgebern oder "freien Unternehmen".

(Man beachte die unmittelbar darauf folgende Werbung für die Partnerbörse.) War es der Sozialstaat, - der Kirchen, Gewerkschaften, und ja, - ganz besonders Arbeitgeber zu "freien Unternehmungen" machte, - die jetzt alle wie neoliberale Banker agieren? Das er hier "Arbeitgeber" mit einbezieht, ist eine echte Dimensionssteigerung. Ich höre schon wieder Arbeitgeber, die sich auf die eigene Schulter klopfen, und ihr übliches; "wir sind noch viel zu sozial" faseln. Wenn man das Kürzel "SPD" mit "Sozialstaat" in Verbindung bringt, dann ist heute genau das passiert, was kluge alte Sozen dieser Partei, vor ihrem Rechtsruck durch Schröder, vorausgesagt haben. Die komplette rhetorische Demontage der eigenen Ideologie, und ihrer Existenzberechtigung, - durch Selbstverrat.

Ökonomen sehen die Sache nüchterner und sprechen von einer "perversen Anreizstruktur". Zu Deutsch: Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin wäre nicht nur dumm, sich offiziell wieder einen Partner zuzulegen.

Also, erst sollen alle wie Ökonomen denken, - "Wer soll das bezahlen". Und dann wundert man sich, wenn sie es tun. Erst treibt man sie in Situationen wo sie nun mal extrem rechnen müssen, dann wundert man sich, wenn sie es machen. Ganz davon abgesehen, ob sie es tatsächlich machen. Also, - erst fertigmachen, dann ihnen die Schuld daran geben. Die Kunst, die eigenen Opfer zu Täter zu machen.

Das wahre Problem des "Wohlfahrtstaates", wie dieser Kersting ihn sieht, übersieht er anhand dessen, - wovor die Neoliberalen vorgeben, am meisten Angst vor zu haben.

"Da macht so mancher eine Rechnung auf", berichtet eine BA-Angestellte. In den Jobcentern gehen reihenweise anonyme Hinweise ein, dass Alleinerziehende so allein nicht sind, der Partner den Behörden nur verheimlicht wird.

Es ist zu spät Freunde. Die Denunziation der Menschen untereinander, hat schon begonnen. Und sie glauben daran, das es richtig ist. Das war aber kein Sozialstaat. In dem Sozialstaat, auf den dieser Mann anspielen will, haben sich die Menschen wegen politischer Illoyalitäten denunziert. Heute machen sie es aus eiskaltem, neoliberalem, und vollkommen ökonomisiertem Finanzdenken.

P.S. Ich erzähle hier sicher nichts neues, aber für einige lokale Mittelstandspatrioten, muss ich hier einfügen wo man den Mann orten kann.

P.S. Ich muss da noch was anmerken. Lediglich der erste Absatz ist von diesem Kersting. Der Rest ist vom FAZschen Gesinnungspersonal dieses Heilandsphilosophen.


Kommentare:

Christian Klotz Uhrzeit 24.1.2010 14:39:35

Mann, hat das gut getan!
Dieser Beitrag zur Phänomenologie des entzerrenden Übergangs vom guten seinerzeitigen "rheinischen Kapitalismus" zu den Verlaufsformen seiner jetzigen Nomalform ist ganz einfach deskriptiv richtig.
Ich verstehe nur nicht, warum das "außerhalb der Erde" sein soll?
antiferengi Uhrzeit 24.1.2010 15:21:8

@Christian
Na,ja... In einem anfänglichen Anfall von Naivität, zog ich in Betracht das der Mann an das Zeugs glauben könnte, was er so von sich gibt. Wen dem so wäre, muss er außerhalb dieses Planeten leben ;-)
Geheimrätin Uhrzeit 24.1.2010 19:57:38

My Godness, Antiferengi, sie treiben es echt auf die Spitze.

Ich war heute mit einer Freundin in einer Burgschenke im Wald, wir sprachen über die Krise etc, als sie plötzlich anfing, dass es "uns doch wirklich noch gut ging" und "wir wohl einfach mal etwas bescheidener werden sollten"...etc. Diese (Hoch)burg der Mittelschichtler und Besserverdiener erhielt nun ungefragt und kostenlos einen Vortrag von einer, der aktuell die Nerven durchgehn.Es ging um Hitler und Koch, Göbbles und Sarazzin, Mengele und ...

Betretenes Schweigen trat in den Raum, als meine Freundin mich zum Aufbruch aufforderte, der Weg zurück durch den Wald war dunkel und kalt.


antiferengi Uhrzeit 24.1.2010 23:30:35

Hi liebe @Geheimrätin.
Ups, da kann man sich schnell outen. Macht aber nix. Die Zeiten des bequemen Zurücklehnens im behaglichen Wohlstand, werden wohl vermehrt in Zukunft in den Genuß appetitvermindernder Erlebnisse kommen. Du wirst nicht die letzte sein, die die Nerven verliert. Obwohl.... mir gefällt das Wort Mut besser.

epikur Uhrzeit 25.1.2010 12:42:46

Zwei Dumme, ein Gedanke, oder so ähnlich ;-)

Wenn man sich im besagten Artikel der FAZ die Kommentare durchliest, erlebt man eine Reaktion ähnlich wie bei Sarazzin: "Endlich hat es mal jemand ausgesprochen!". Wie ein Rudel Wölfe gehen die Menschen aufeinander los, Teile und Herrsche. Soll der Pöbel sich untereinander fertig machen und für alles die Schuld geben, solange wir Banken und Konzerne die Milliarden kassieren. Zum kotzen ist das.


antiferengi Uhrzeit 25.1.2010 14:50:36

@epikur
Yup, aber deiner ist besser ;-)
Diese "Freunde der Freiheit" im FDP-Stiftungskontext scheinen einen ausgesprochen fest abgegrenzten Bereich für die Freiheit vorzusehen. Da kommt noch mehr.



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