
19.07.2010 von eb
, - Aktuelle blogs
Nr.#373 Deutsche Sachlichkeit
Der
Spiegel, redet von einer Reformidee und
Wild macht daraus einen sinnvollen Vorschlag. Bundesagenturvorstandsmitglied Heinrich Alt sichtet Win-Win-Situationen, weil ihm beim Grüppchentee unter Vorständlern eingefallen ist, wie man
Geld gleich an zwei Fronten sparen kann. Einmal um unserer Laienministerin den Traum vom kostenlosen Sport- und Nachhilfeunterricht erfüllen zu können, ohne Regelsätze erhöhen zu müssen. Und zum anderen, dem gläubigen Wahlvolk zu zeigen, dass man auch Bildungspolitik betreiben kann, ohne Geld ausgeben zu müssen. Und der erwerbstechnisch versorgte Thekenrand, klatscht Beifall.
Langzeitarbeitslose Musik-, Sportlehrer und Sozialpädagogen sollen Kindern,
deren Eltern ebenfalls zu den Langzeitarbeitslosen zählen, Sport-, und Nachhilfestunden geben. Meint jedenfalls Herr Alt. Das Thema ist zwar genauso schmutzig wie die Ideenküche
des gesamten Hartz-4 Umfeldes, weshalb am besten alle zwei, also .. Küche und Hartz-4 endlich mal von politischen Mitmenschen behandelt (abgeschafft) werden sollte, die man aus menschlicher Sicht auch mal ernst nehmen kann. Aber das interessiert ja keinen. Denn dem sachlich selbstgefälligen Mittelschichtler und Sozialdarwinisten aus der zweiten Garnitur, der großspurig der Selbstsicherheit frönt, auf Langzeitarbeitslose als ungebildete Randerscheinung blicken zu dürfen, - sieht das ja alles in sicheren Händen.
Dazu lohnt es sich einen kleinen Rückblick zu gestalten. Sozusagen ein Stück Kurzgeschichte über HARTZ-4. In diesem Fall, aus purer Bösartigkeit heraus, speziell für Akademiker. Dies deshalb, weil in dieser Ecke auch heute noch eine gewisse Selbstüberschätzung, mit Abwertungszwängen anderen gegenüber gelebt wird, die schnell mal nach dem Begriff "Elite" greift.
Oder sagen wir besser, - ein Lehrstück gelebter Ernsthaftigkeit, Vernunft, Sachlichkeit, Verantwortung und effizienter Auseinandersetzung einer gesellschaftlichen, medialen, forschungstechnischen, sowie realpolitischen Landschaft, - mit einer einfachen Arbeitsmarktproblematik, die alle betrifft.
Bereits 2003 war eigentlich schon mehr als klar, dass es ein Arbeitsmarkt-Problem
auch bezüglich des gehätschelten Sonderverkaufswertes geistiger Musterexemplare gab. Absolut ersichtlich in der Form, dass insbesonders junge Akademiker immer mehr ausgebeutet wurden, ohne danach eine Aussicht auf eine Festanstellung zu bekommen. Eigentlich hätte bereits schon Jahre vorher klar sein müssen, das reine Arbeitgeberpolitik ein gewaltiges Arbeitsplatzproblem, von ganz alleine erbringen würde. Die Bundesagentur für Arbeit sah das, selbst zwei Jahre später noch, natürlich wieder mal ganz
anders. Was entgegen dem allgemeinen Theckengespräch gläubiger Marktideologen, bezüglich fauler Arbeitsloser, Privatinitiativen
erforderte,
die Volker Kauder, 2006 dazu bewegten dem Problem mit
Feldarbeit
zu begegnen. 2008 war man immerhin bereit die arbeitslose Elite auch für
1-Euro Jobs genauso missbrauchen zu können, wie alle anderen auch. 2009 ermittelten die Trendforscher vom IAB in ihrem sonnengleichen Optimismus, in einer akademischen Ausbildung einen Schutz vor Arbeitslosigkeit, der dann 2010 sogar gleich
mehrfach
erneut zu der Erkenntnis umschwenkte (nicht beim IAB), dass die
Arbeitslosigkeit dieser Klientel sogar richtig stark angestiegen ist. Meldungen, welche die Arbeitsagenturen dann bewogen, arbeitslosen Akademikern etwas mehr
Hilfe zu kommen zu lassen wie in den letzten sieben Jahren,
und dies auch gleich kosteneffizient in einem Online-Bewerbungstraining und zusätzlichen fröhlichen Ratschlägen realisierten. Die neoliberale Presse, befruchtete das überhaupt nicht, und Frau Weiguny von der
FAZ schloss
sich meinungstechnisch einer vom bertelsmanischen Subunternehmertum forcierten Studie aus Kassel an, und erklärte dem elitär geneigten Publikum, dass lediglich zwei Prozent aller Akademiker befürchten müssen längere Zeit ohne Stelle zu bleiben, - und deshalb nicht allzu viel jammern sollten. Und Herr Heinrich Alt, erledigt die Realität mit seinen Ideen .......
Immerhin, auf die Art und Weise, kann man ein ganzes sozilogisches Modell, mit allem Drumherum, inklusive Elitenbewusstsein, in eine abgrenzbare Erwerbslosenschicht transponieren. Der Soziologenzoo sozusagen. Bewahrt den einen oder anderen dieser Tierpfleger, sicher mittels Studienarbeiten vor drohender Arbeitslosigkeit.
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Kommentare:
Esther
Uhrzeit 19.7.2010 20:2:20
Ich kenne Akademiker, die ein ganz anderes "Problem" haben. Die meisten von ihnen um die 40 Jahre
alt - schauen zurück und sagen: "Ja ich habe einen Arbeitsplatz. Er ist recht gut bezahlt. Doch für die
Tätigkeit, die ich mache brauche ich mein Studium nicht. Wohl aber um die Stelle zu bekommen. Das
ist frustrierend. Aber dieses Problem haben scheinbar viele meiner Kollegen nicht."
Diese Aussagen bekam ich allerdings oft mit dem Hinweis - dies sei die höchstpersönliche Meinung, die
sie nie unter Kollegen äußern würden. Manche nicht mal gegenüber ihren Lebenspartnern. Wieder
Andere von ihnen überlegten ernsthaft lieber auf große Wohnungen, Autos, etc. zu verzichten - um
mehr Zeit für sich, Freunde, Lebenspartner und ggf. Kinder zu haben durch freiwillige Teilzeit. Diese
Gruppe waren übrigens hauptsächlich Männer. Auch sehr interessant. Einigen haben es getan und
scheinen glücklicher zu leben.
Sicher das hört sich nach "Jammern auf hohem Niveau" an. Jeder Arbeitslose der sich eine feste Stelle
wünscht wird ggf. nur den Kopf schütteln.
Vor ein paar Jahren diskutierte ich mit einem Studi-Kollegen meines Mannes über Indien. Er meinte
irgendwann die Armut dort könne nur mit Bildung gemindert werden. Der Arme hat meinen
aufgestauten Frust über diese Aussage voll abbekommen.
Nachdem ich mich abgeregt hatte sagte ich: "Ich schnippe jetzt mal mit den Fingern und jeder Inder ist
plötzlich gebildet bzw. hat die Möglichkeit dazu. Was würde sich Deiner Meinung nach tatsächlich
ändern?"
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antiferengi
Uhrzeit 19.7.2010 20:56:13
@esther
Yup. Nichts... würde sich ändern. Es gäbe eine Menge gebildeter Menschen mehr auf der Welt. Das wäre alles. Bildung ist nichts anderes als ein Wirtschaftsgig.
Weder würden sich Chancen erhöhen. Noch würden sich Ernährungsverhältnisse ändern.
Noch würde sich an Armut etwas verbessern. Aber vielleicht ... würden sie es dann erkennen? Oder auch nicht?
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