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21.07.2010 von eb , - Aktuelle blogs

Nr.#375 Menschenzeit?

Akademiker? Da fragt mich jemand, ob ich was gegen Akademiker habe?. Was soll ich dazu sagen? Vor allen Dingen, was soll ich dagegen haben? Das ist sowieso schwierig heute. Ich meine, - da treff ich den Fliesenleger, der mir nach anfänglicher Freude meinerseits über das goldene Handwerk erzählt, dass er gerade im Studium steckt. Ahh, Berufswechsel? Weiterbildung und so...? Neee, Fachakademie fürs Handwerk. Also Studium der Fliesenlegerei. Das ist wichtig. Das man zu einer Arzthelferin nicht mehr Arzthelferin, sondern medizinische Fachangestellte sagt, musste ich auch erst lernen. Ebenfalls spannend. Eine Bewegungstherapeutin, die unbedingt bei jedem zweiten Satz betonen muss, dass sie jetzt Lehrerin ist. Innerhalb der Tätigkeit als Bewegungstherapeutin. Wichtig auch unbedingt, heutzutage einen KFZ-Mechaniker sicherheitshalber mal als Herrn Dr. KFZ-Mechatroniker anzusprechen. Weil, der darf jetzt auch mit Fahrzeugelektronik rumspielen.

Hab ich ja auch gar nix dagegen. Ob nun duales, triales, hexadezimales Studium, oder vom Gipser zum Mediziner. Da muss ja nicht überall die Lore vom Bach drin sein, oder der alte Dipol Diplom zwischen einer Welt oben und unten. Auch der Magister ist ganz bestimmt nicht lebenswichtig. Ob da nun Artium drinne ist, oder nicht. Find ich vollkommen in Ordnung, jedem die Möglichkeiten für alles zu geben. Auch dass der Hausmeister in Deutschland jetzt anfängt sich Facility Manager zu nennen, der Lagerarbeiter Fachkraft für Lagerlogistik, der stellvertretende Geschäftsführer Vice-President, der Asphaltmischer Verfahrensmechaniker in der Steine- und Erdenindustrie, der Müller Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft, oder der Dacharbeiter Polybaupraktiker, kann ich vollkommen verstehen. Ist ja anderswo auch nicht besser. Der Förster heißt jetzt Forstingenieur oder gar Forstwissenschaftler, der Kartograf Geomatiker, und Joschka Fischer Öko-Consultant.

Ich häng mir ja auch gern mal eine Christbaumkugel um, und klopfe mir selber auf die Schulter. Ist ja nicht so, dass man Eitelkeiten nicht verstehen würde. Ich bin z.B. irre stolz drauf, als Vater nicht ganz versagt zu haben. Oder dass ich unendlich lange Schachtelsätze hinbringe, deren Kommas ich fast noch auf null reduzieren-, und das geschriebene zumindest selber noch verstehen kann. Es passiert auch durchaus, dass mal jemand damit gelangweilt wird, dass man auch stolz auf das ist, was man sich beruflich erarbeitet- oder traurig, wenn man es wieder verloren hat. Alles verständlich.

Was ich lediglich nicht verstehe,... ist der Sinn dahinter, dass das jetzt so unbedingt wichtig sein muss. Vom netten Kerl an der Theke daneben weiß ich, dass er begeisterter Modellbahnbastler ist. Anstatt mir jetzt seine Seele anhand von Was-weiß-ich nicht alles für Spuren, oder einer evtl. selbst gebastelten und raffinierten Weichensteuerung zu offenbaren, fällt dem nix besseres ein, als schon beim ersten Kennenlern-Satz das "leitend" im Angestellten so zu betonen, dass ich es auch ja mitbekomme. Der selbst verliebte Aquarianer daneben, dröhnt mir seine unbedingt weltbewegende Geschäftsführung ans Hirn. Als wenn es mich interessiert hätte, was er denn überhaupt beruflich so macht.

Flirten ist auch eine feine Sache. Was die Dame selber interessiert, scheint sie selber nicht zu interessieren. Aber unbedingt wichtig, ist die gleich mal vorangestellte Funktion der wieder mal "leitenden" Sekretärin. Da flirte ich doch lieber mit der Esoterikerin, die mir was von spirituellen Transmutationen vergeigt. Ist vielleicht nicht so mein Ding, aber da kann ich wenigstens davon ausgehen, dass das auf ihrem eigenen Mist gewachsen ist und höre gespannt zu. Jedenfalls solange, bis offenbart wird, dass die Gruppenleitung für ein merkwürdiges Kettengeschäftssystem für eine ganze esoterische Produktpalette existiert, bei dem man richtig fett Kohle machen kann.

Herrgott, wenn ich Menschen kennenlernen möchte, möchte ich die Menschen dahinter sehen, nicht ihr Lametta. Außerdem, .... wo sind die liebenswerten Gestalten hin? Die Gartenliebhaber, die Rosenzüchter, die Guppyzähler, die Hobbyschreiner, die Sternengucker, die Paradiesvögel, die alte Autosrestauratoren, die Waldläufer, die Blümchenteetrinker und Schleimpilzsammler? Ich meine nicht die, die ein Geschäft daraus gemacht haben. Ich meine die, die noch fähig sind etwas anderes zu lieben, als Zeit zu Geld zu machen und dies als ausschließlichen Lebensinhalt zu sehen. Ist es vielleicht so, dass gar nichts anderes mehr übrig bleibt? Hellmut Kohls Spiel und Spaßgesellschaft, - am Ende eine kaltfunktionale Endzeitgesellschaft? In der jedem nur noch übrig bleibt, sich mit allem was er hat, auf das Wesentliche des eigenen Überlebenskampfes zu konzentrieren? Wo die einzige Chance auf ein wenig Erfolgserlebnis darin besteht, sich anhand elitärem Gehabe abgrenzen zu wollen? Das ist nun mal so? Dann ist also doch jedem klar, wie es aussieht?


Kommentare:

Ikondrar Uhrzeit 21.7.2010 22:28:19

Netter Text ...
Kommt mir bekannt vor.
Ich schau hin und wieder mal auf Eurer Seite vorbei.
Kann in Vielem nur zustimmen.
antiferengi Uhrzeit 21.7.2010 23:51:20

@Ikondrar
Da brauchst du dich nicht zu verstecken.
Bei Science-Fiction, werde ich immer schwach ;-)

aebby Uhrzeit 22.7.2010 6:58:48

Gut beobachtet. Da steckt vielleicht der krampfhafte Versuch dahinter sich selbt auf der Gewinner- bzw. Leistungsträgerseite sehen zu wollen, ein krampfhafter Versuch der Wahrheit nicht in die Augen sehen zu müssen.
Esther Uhrzeit 23.7.2010 9:12:24

Ich glaube einigen von denen Du oben schreibst haben vielleicht keine Zeit und Kraft mehr nach der
Arbeit für Hobbies. Oder glauben zumindest keine Zeit und Kraft mehr zu haben. Manche glauben
vielleicht für "verrückt" gehalten zu werden, wenn sie NICHT alle verfügbare Energie in den Job stecken
oder zumindest den Anschein erwecken. Denn wer einen Job hat, hats doch gut. Oder so ähnlich.

Jemanden den ich sehr gut kenne - Akademiker - gut ausgebildet hat seine Arbeitszeit reduziert. 4-
Tage-Woche. Eine kurze Auswahl der Reaktionen anderer: "Da fehlen Dir später Anrechnungszeiten für
die Rente." "Du verbaust Dir damit Deine Aufstiegschancen!" "Würde ich auch gern machen, aber ich
brauche das Geld. Wieviel weniger verdienst Du denn im Monat? " (Anwort: "85% dessen was ich vorher
bekam - dafür muss ich "nur" 80% der Regelarbeitszeit arbeiten.") "Einen teilzeitarbeitenden Mann
nimmt doch keiner mehr ernst!" "Ich könnte nicht so faul sein."

Aber ich will auch nicht die wenigen positiven Reaktionen unter den Tisch kehren. Sie kamen meist von
Menschen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht: "Hey das finde ich toll. Aber ich komme mit
meinem Vollzeitlohn kaum über den HartIV-Satz - daher geht das nicht. Aber ich freue mich für Dich!"
"Ich bewundere Deinen Mut!" "Ja Freizeit für Anderes ist sehr wichtig! Was hast Du denn für Hobbies."

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