Als Gerhard Schröder dunnemals den Spruch loslies; dass sich Forschung nur lohne, wenn sie Profit abwirft, - hat er praktisch nicht nur den generellen Startschuss für Wissenschaft als Selbstversorger-, sondern auch den Freibrief zur ungehemmten Selbstvermarktung der Forschung gegeben. Genau genommen, hat er damit zwei recht unterschiedlichen Bildern, von einer vormals weitgehend staatlich geförderten Grundlagen- und einer sich selbst finanzierenden industriellen Anwendungsforschung, ein gemeinsames Gesicht gegeben; - Profit.
Das ganze wurde begleitet durch einen wahren Feldzug von Ideologen, gegen jede staatliche Beteiligung. So nach dem Motto, staatliche Förderung gegen freie Marktwirtschaft. Wobei sich anfangs weder beide als Konkurrenten sahen, noch ersterem nicht mal klar war, was es denn schlimmes verbrochen hatte. Und zudem noch bezüglich irgendwelcher Vor-, und Nachteile, nicht mal Vergleichsmöglichkeiten vorhanden waren.
Denn einen Rückgang von innerdeutschen Patentanmeldungen einer staatlichen Förderung und Kontrolle anzulasten, während ein Herr Kohl den rüdesten Abbau an Forschungsgeldern vorgenommen hatte, den dieses Land je gesehen hat, hat wohl kaum etwas mit Fairness zu tun. Ich zumindest, hab 16 Jahre lang (ungläubig) gebetet, dass irgendein weiser Gott, diesem Mann etwas Einsicht schenkt. Auch wenn wir, dank Kohl, bezüglich der Patentanmeldungen jetzt wohl eher von einer exportorientierten Wissenschaftslandschaft sprechen können, fiel auch Schröder nichts besseres ein, als den Abbau nochmals zu erweitern. Als Alternative haben wir dann neben Tschibo und Eduscho Universitäten, einem ganzen Fuhrpark an Zukunftsinstituten und ThinkTanks, auch eine Universitätslandschaft erhalten, die jetzt im großen Mix zwischen staatlichen, privaten und selbst erwirtschafteten Geldern keinerlei Besserung des Problemes erfahren hat. Eher, sieht es ja wohl etwas düsterer aus, wie vorher.
Aber im Grabenkrieg von Ideologen, spricht man nicht von Sinn und Zweck, sondern von Überzeugungen, denen der Sinn zu dienen hat. Und das hat sich entwickelt. Selbst
2009 noch, fiel den esoterischen Marktbeschwörern nichts besseres ein, als die Äußerungen des Biochemikers Kealey immer wieder aufzuwärmen, der 1997 den absoluten Rückzug des Staates aus Wissenschaft und Forschung verlangt hatte. Wobei es interessanterweise die Ökonomen waren, die ihm im selben Jahr wegen negativer Markteffekte, die gar nicht weit weg von meinen eigenen Überlegungen sind, vehement
widersprochen hatten.
Doch die Welt der Theorie ist eine, die Welt der Praxis eine andere. Eine ganze Welt, im einseitigen Konkurrenzkampf um einen Wissenschaftshype, der als potentieller Wirtschaftsmotor gesichtet wird, sieht erst mal den Profit, dann erst die Folgen.
Ein interessantes Beispiel ist z.B. Brasiliens
Biotech-Boom zum internationalen Mitspieler auf dem härtesten Markt, den die Wissenschaft zur Zeit kennt. Über ethische Auswirkungen dieser Entwicklung, lasse ich mich jetzt mal nicht generell aus. Darüber sollte man sich an anderer Stelle weitaus ausführlicher, aber unbedingt Gedanken machen. Aber auch hier ist die Auseinandersetzung damit, immer noch von ideologischen Seitenhieben durchtränkt, indem man einem Land mit ehemals kärglich zu nennendem staatlichem Forschungsbudget, die Motivation und die Entschlusskraft einzelner, als Argument für einen freien Markt der Wissenschaft unter die Nase reibt. Wen man sich die Sache aber mal ohne solcherlei Glaubensfragen anschaut, dann zeigt gerade Brasilien, wie sich eine einseitige Orientierung an einem Weltmarkt nicht nur zum Selbstläufer entwickeln kann, sondern sich Entwicklungen auch ziemlich gleichen, wenn Staat und Wirtschaft dazu übergehen, allzu eng zusammen zu arbeiten.
Im Kurzabriss sah dies folgendermaßen aus:
Zwei mutige Forscher bildeten, trotz der Ablehnung durch andere ein Team, - sequenzierten das Genom eines Zitrusfrüchte-Erregers und landeten damit den großen Clou über einen Artikel im Nature. Auf dem Weg dorthin konnten Erfahrungen und Know-How vorher schon, selbst noch beim weltweiten Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms genauso verwendet werden, wie in der Forschung zur Aufzucht von Zuckerrüben. Das Know-How und die Technik wurde auf zwei reine Marktunternehmen übertragen, welche dann Monsanto mitsamt dem Know-How, 2008 für bescheidene 290 Mill. US-Dollar einkaufte und seitdem nicht nur das Metier der Zuckerrüben, wohl eindeutig beherrscht. Die Anfangsinvestition für Gerätschaften wie Sequenzer, Computer und Reagenzien betrugen dabei noch bescheidenere 12 Mill. US-Dollar, die die staatliche Forschungsgemeinschaft
FAPESP übernahm, deren Direktor damals einer der beiden Anfangsforscher war. Dabei kann man wohl, wie in allen anderen Lagen auch, einen Satz aus besagtem Nature-Artikel ganz besonders hervorheben.
... es wird auf einzelne Wissenschaftler ankommen, die Herausforderung annehmen und ihren Forschungshorizont erweitern....
Witzigerweise zeigen gerade diese beiden Forscher, dass es auch möglich ist, ohne den ganzen Konkurrenzkampf- und Selektions-Klimbim eines ultraharten Marktgehabes, so etwas wie Motivation aufbringen zu können.
In dieser Hinsicht gibt es gerade auf dem Biotech-Markt, - fast einen Erfolgszwang, den man jetzt aber auch nicht, trotz ideologischer
Blauäugigkeiten unbedingt als bessere Lösung eines freien Marktes über Glück hinaus bezeichnen kann. Denn Biotech ist nach wie vor die Szene von Unternehmungen, die genauso schnell starten wie sie sterben können, wenn sie sich nicht den großen Unternehmen verkaufen, die zum Schluss entscheiden, was zu passieren hat.
Die jungen Newcomer-Stars unter den Wissenschaftlern, versucht übrigens FAPESP (immer noch staatlich), erfolgreich zu fördern und fürs eigene Land einzukaufen. Was Brasilien betrifft, - so ist mitunter nicht mehr aufzulösen, wer mit wem verbandelt ist. Forscher, Politiker und nicht nur Unternehmen wie Monsanto, erfreuen sich geradezu am geliebten Baby der Biotechnologie genauso, wie sich sogar manchmal die gleichen Leute in Umwelt- und Gesundheitsbehörden krampfhaft darum bemühen, dem eigenen Hype entgegen zu stemmen.
Und wie wir wissen, haben
brasilianische und
deutsche Probleme durchaus etwas
gemeinsames.
Bezüglich Biotech wäre ich übrigens bereit eine symbolische Wette abzuschließen. Sollte darüber nicht, ähnlich wie ansatzweise bei der Nanotechnologie, eine öffentliche Diskussion stattfinden, die auch fähig ist sich ein wenig weiter zu bewegen wie ausschliesslich Wald-und Wiesengenetik, - wird sich hier im Falle des Weiterlaufenlassens des freien Marktes der Großunternehmen, früher oder später eine Auseinandersetzung etablieren, welche genauso von staatlicher Regulation bzw. Deregulation spricht, wie unsere gegenwärtige bezüglich Banken und Finanzwirtschaft. Sinnigerweise beginnt so etwas
immer dort, wo die gegenseitigen Abhängigkeiten und Interessen, selber die größten
Verzahnungen
besitzen.
Biotech ist schon seit einiger Zeit kein Spielplatz nur für Gemüsezüchter oder Hersteller von Heizpellets mehr. Die Grenzen der DNA-Sequenzierer, der Elektroniker und Kybernetiker gehen langsam genauso fließend ineinander über, wie die der Mediziner, Mikrobiologen, Neurologen, Chemiker und Robotiker. Selbst JenOptik, macht mittlerweile mit Bio-Chip-Prozessierungs- und Readersystemen gleichzeitig für Arztpraxen, als auch fürs Militär herum. Das Potential der Möglichkeiten ist wirklich enorm, und extrem flexibel ausbaubar. Das kann man aus Sicht der Mediziner sehen, die die Unverzichtbarkeit der Biotechnik zum Totschlagargument gestalten können. Man kann es aus Sicht der
Schwärmer sehen und auch aus Sicht der
Militaristen.
Ja, sogar aus Sicht derer, die irgendwie
alles toll finden, wenn es nur neu ist.
Entscheiden was passiert, werden aber die Profiteure. Und die werden
nicht danach fragen, mit wem, oder was, sie den meisten
Profit machen können. Selbstredent, dass man hier auch überall die üblichen begeisterten
Marktbefreier findet.