Manchmal erfindet sich altes neu. Oder altes wird übersehen, um dann im Neuen erneut
altem ein neues Aussehen zu verleihen. Wer die ollen Cyberpunk-Romane von Bruce Sterling wie z.B. Schismatrix, Zikadenkönigin oder William Gibsons Biochips bzw. Mona Lisa Overdrive aus den 80igern noch in Erinnerung hat, dem wird die nihilistische Akzeptanz jedweder Auswirkungen irgendwann in der Zukunft, welches dieses Sci-Fi Genre geprägt hat, genauso aufgefallen sein wie die zumindest damals übliche Empfindung, die Visionen der Autoren als Dystopien zu sehen. Das man dies nicht alles gar so dogmatisch betrachten muss, haben beide Autoren selber unter Beweis gestellt.
Normalerweise wird beim Science-Fiction der momentane Zustand phantasievoll weiterentwickelt, und dann mal geschaut was daraus werden könnte. Was der Cyberpunk wohl in den drastischsten Formen wohl auch geschafft hatte. Dass ausgerechnet die beiden genannten Autoren, in den 90igern mit einer Art Retro-Science-Fiction, einem ganz eigenen Genre auf die Sprünge verhalfen, indem sie einfach in die Vergangenheit zurückgegangen sind, und die Entwicklung der Technik ganz anders haben ablaufen lassen, als sie es tatsächlich getan hat, war den meisten mitunter etwas ungewohnt, hatte aber bereits damals schon einen ganz eigenen Charme, von dem sich keiner so recht freisprechen konnte.
Man stelle sich z.B. vor, dass nicht unbedingt Öl und Verbrennungsmotoren das Bild der technisierten Umwelt maßgeblich geprägt hätten, sondern z.B. Dampfkraft. Oder die Entwicklung von Computern wäre nicht hauptsächlich auf Grundlage der Elektronik, sondern der der Mechanik vonstatten gegangen. Neu ist die Idee in den 90igern sicher auch nicht gewesen. Schon in Frank Herberts "Der Wüstenplanet" aus den 60igern wurde sie zwar nicht zeitlich, aber örtlich behandelt. Wer David Lynchs Verfilmung davon 1984 angeschaut hat, wird sich nicht nur an bekannte Schauspieler und einen ebenso bekannten Punkmusiker erinnern, sondern auch an das eindrucksvolle Ambiente und Design einer Technik, die etwas atemberaubend morbid mechanistisch, altbackenes und auch düsteres an sich hatte. Ich denke, dass wir in diesem Film einen Großteil der Gründe suchen können, warum neben Science Fiction Autoren des Genres "Steampunk", (neben Dieselpunk, sind noch eine Menge anderer Variationen möglich), sich mittlerweile auch eine ganz eigene Kultur von Bastlern, Fotografen, Designern, Autoren, Blogger und eine Menge anderer Leute, sich um dieses Thema versammelt haben.
Was man davon halten soll, ist Geschmacksache und jedem selbst überlassen. Ich habe Radiointerviews gehört, in denen man versuchte den Leuten eine Art nostalgische Sehnsucht
anzuzimmern, was sicher auch nicht so ganz von der Hand zu weisen ist.
Andere versuchen es in die Ecke, Spezialfälle einer Netzkultur zu verorten. Der Begriff "Viktorianische Selbstverwirklichung" wird hierbei oft missverstanden, denn der bezieht sich eindeutig auf das Buch, "Die Differenzmaschine" eben von William Gibson und Bruce Sterling, wo sich im viktorianischen England unter der Fuchtel einer industriellen Partei, (die übrigens von Lord Byron geleitet wird ), das britische Empire tatsächlich zu seinen alten Wunschträumen hin entwickelt hat, und mit mechanischen Dampfcomputern auf erstaunliche Weise die heutige Internetstruktur wiedergegeben wird. Das hier verwendete Design und Ambiente, bildet aber sicher den zentralen Schwerpunkt der ganzen Sache.
Auch die Idee mit archaischen Computerkonstruktionen, kann man ein wenig auf Frank Herberts Wüstenplanet zurückführen, in welchem Computer allerdings zwecks Missbrauch, nur noch für besondere Gelegenheiten und von besonderen Personen verwendet werden durften. Mich haben z.B. in der Verfilmung die fliegenden Dampfleselampen fasziniert, die mitunter zu sichten waren. Auch daraus, könnte man eine ganz eigene Story bezüglich einer interessanten Beleuchtungskultur gestalten, was mit Sicherheit einige Steampunker irgendwann auch angehen werden.
Über Sinn und Zweck, kann sich jeder streiten wie er will. Der diesem Genre eigene düstere Charme, ist nicht immer gar so düster. Was unbedingt neu ist, ist aber, dass es Science-Fiction tatsächlich geschafft hat, eine Art künstlerische Kultur zu prägen, die sich tatsächlich dementsprechend äußert. Wer sich ein wenig Überblick verschaffen will, für den habe ich mal einige wenige Sachen, bzw. Links heraus gesucht, die für die diesbezüglich noch Uninfizierten einen kleinen Einblick gewähren. Ansonsten, braucht man nicht lange zu googlen, um sich selber ein Bild machen zu können.
Natürlich blieb es nicht aus, dass sich auch hier ein eigener, sagen wir einfach mal frech "Kunst"-
Markt entwickelt hat. Ganz entgegen meinem Prinzip keine Werbung zu verlinken, mache ich heute mal eine Ausnahme und sortiere diesbezüglich nicht aus. Bei obigem Link besonders deshalb, weil er in Form von Bildern eine schöne Auswahl für eine ganze Vielfalt verschiedener Genre-Fans anbietet. Und, na ja, wenn man schon mal dabei ist, alles hat natürlich auch seine passende
Bekleidung.
Alte gezeichnete
Werbeplakate haben mich natürlich schon immer interessiert. Auch diese lassen sich entsprechend einem Genre ein wenig nach
bearbeiten. Genauso wie stilvolle
Armbanduhren, mehr mechanisch orientierte
Versionen davon,
Notizbücher und
Handys sich einem Zeitgeist zu beugen haben, dürfen auch Personen der Zeitgeschichte modernen
Neuerungen nicht im Wege stehen.
Irgendwie scheinen sich auch die Umweltschützer wohl im Metier zu fühlen. Auf folgendes YouTube Video, bin über einen Steampunk-blog aus den USA gestolpert. Die ultimative Rückführung der Technik auf reine Mechanik und körperliche Kräfteverhältnisse. Sind wir ehrlich, - man hätte eine Menge daraus machen können.
Zum Schluss noch ein YouTube-Video, ebenso über einen entsprechenden blog gefunden, für die Fans alter coole-Typen-, Hinterhof- und Detektivfilme mit einem Hauch von Humphrey Bogart und Blade-Runner gleichzeitig. Achtung, nichts für schwache Nerven.