Nächstes   Vorheriges   Übersicht   Startseite   Links  
30.07.2010 von eb , - Aktuelle blogs

Nr.#386 Objektivität

Eines der Lieblingswörter aus der Schublade der sachlichen Versachlicher, der Gefrierfach-Denker, und dem Ambiente der mit Systhemtheorie spielenden Ideologen schlechthin. Objektivität. Fast schon ein Renner und immer gerne dann benutzt, wenn sich jemand als kühler Überflieger der unendlichen Vernunft präsentieren will. Fragen zum Weltwirtschafts-System? Zum Finanz-System? Zum gesellschaftlichen "System"? Zum sozialen "System"? Zum ökologischen "System"? Planungen für ein "System" zur Betrachtung der Ferilitätsrate um "systemisch" steuern zu können? Zum Fortpflanzungssystem? Na ja, gut, letzteres gehört jetzt nicht hierher, geb ich ja zu. Wäre aber wenigstens ausreichend beschreibbar. Auf jeden Fall ist Objektivität angesagt. "Das muss man objektiv sehen"; spricht der kluge Sachbearbeiter der Sachen. Der Objekte. Objekte, die man objektiv betrachten, und objektiv behandeln muss. Also, die wertfreie, unparteiliche, unvoreingenommene, unemotionale und annahmefreie Beurteilung eines Objektes oder Sachverhaltes, bei höchstmöglicher Berücksichtigung aller Umgebungsfaktoren.

Also, mal sehen. Ich bewege mich also in einer ungefähren Entfernung von ca. 250 km über der Bundesrepublik Deutschland. Die Höhe ist nötig, um das gesamte Land im Blickfeld zu haben. Das benötigt man, um auch alle Interaktionen der Menschen, d.h. 80 Mill. davon beobachten zu können, damit eine sinnvolle Systematik des Gesellschaftssystemes bewertet werden kann, dessen Bewertung innerhalb eines echtzeitlichen Verhaltens, sich nicht maßgeblich so ändert, dass man evtl. alles nochmals von vorne beginnen muss. (Verdammt langer Satz). Hmmm. Irgendwas ist schief gelaufen. Ich sehe keine Menschen mehr. Also muss ich näher ran. Gut. 2 km Höhe reichen, um eine ausreichende Übersicht über ein Dorf zu erhalten, bei dem man auch noch Menschen auf der Straße sieht. Sie bewegen sich. Ja, tatsächlich. Aber besonders aufschlussreich ist das nicht. Also noch näher ran. Die Sache irgendwie mehr von innen betrachten. Eine Kneipe. Gut. Viele Menschen, und man bekommt ein Bier. Ich kann also das gesellschaftliche Verhalten der Menschen, in einer Kneipe beobachten. Wenn ich das lange genug treibe, und so von Dorf zu Dorf ziehe, könnte ich in ein paar Jahren ein recht aufschlussreiches Bild über das gesellschaftliche Treiben in Deutschlands Kneipenszene zusammen kriegen. Vielleicht kann ich den Leberschaden ja von der Steuer absetzen. Und wie viele von den besuchten Kneipen dann noch existieren, weiß ich leider auch nicht mehr.

Also muss man das wohl anders angehen. Befragungen. Super. Das wird jetzt auch mal richtig ernsthaft organisiert. Ich beschäftige also etwas mehr als 1400 Menschen, die pro Tag so an die 100 Personen zufällig ermitteln, und anhand eines Fragebogens damit Telefongespräche führen können. Und das eine ganze Woche lang. Damit schaffe ich es, innerhalb einer Woche fast 1 Mill. Objekte, ääh Menschen zu befragen, deren Antworten ich dann mit einem "objektiv" selbstentwickelten Softwareprogramm, auf 80 Mill. interpoliere. Klasse, oder? Das kleine Problem, dass ich einen Fragebogen erstellen muss, über etwas, was ich erst ermitteln sollte, löse ich dabei natürlich ebenfalls ganz objektiv. Was die restlichen 79 Mill. in der Zwischenzeit gemacht haben, oder ob sie evtl. nicht in die Adaption passen, interessiert mich dabei nicht so sehr. Computer lügen nicht. Basta. Und meine Objektivität sowieso nicht. Ich bin schließlich Experte in so was.

Kann mir einer den Grund nennen, warum ausgerechnet ein Technokrat wie unsereiner, langsam empfindlich reagiert, wenn er ständig mit Leuten konfrontiert ist, die sich dadurch hervorheben etwas gegen Technokraten zu haben, dies aber mit einem Vokabular gestalten, welches jeden "ehrlichen" Technokraten vor Neid erblassen lassen würde. Warum braten ausgerechnet Bio-Bauern mit Systemtheorie herum? Wieso erzählen Esoteriker was von objektiver Sicht auf Spiritualität und soziologischer Systemtheorie? Weshalb quatschen Sozialpädagogen vom systemtheoretischen Paradigma der Sozialen Arbeit und Objekttheorien? Ist das braune Soße in Hirnen, die zwecks Mangels geistiger Eigenleistungen sich einer Baukastentheorie und Rhetorik unterwerfen, nur um mit Zwecksmäßigkeiten agieren zu können, deren Grundsätze sie noch nicht mal verstanden haben?

Die alte Luhman-Habermas Kontroverse, zugunsten des einfachen aber kalten Antihumanismus eines Niklas Luhmann? Um die logische Trennung eines Jürgen Habermas über wirtschaftliche und politische Systeme zu Lebenswelten nicht ertragen zu müssen? Subjektive Kommunikation gegen den Schwachsinn, dass nur soziale Systeme kommunizieren können? Verständigung gegen Differenz zwischen Information und Mitteilung? Moralische Verpflichtung der Wissenschaft und soziologische Kritik an der Gesellschaft, gegen das in eine Gesellschaftstheorie gepresste Resultat einer Evolution? Ich dachte, dass wäre zugunsten des Humanismus geklärt? Aber wenn ich mir das Gehampel derer, die ständig von Systemtheorie schwätzen ansehe, muss ich feststellen das Luhmann gewonnen hat. Na, dann gnade uns Gott. Aber der passt dann auch noch in ein System.

Das was als Objektivität angesehen wird, ist bei Betrachtungsweise eines offenen Systemes immer subjektiv. Ob dies nun von innen, oder von außen betrachtet wird. Und die Systemtheorie, akzeptiert keinen Subjektivbegriff. Eben darum, weil jedes mal dabei versucht wird die Dinge passend zur Theorie zu gestalten. Und man kann auch nichts da hin wünschen, wo nichts dafür vorhanden ist. Oder die vorhandenen Subjekte mal eben so durch gewünschte Objekte zu tauschen, damit man trotzdem noch damit herumspielen kann. Die krampfhafte Adaption einer Theorie über freie Interpretationen, macht noch lange nicht die Praxis dafür tauglich. Wenn wir also offene Systeme betrachten, bleiben nur Annahmen übrig. Und Annahmen, haben niemals etwas mit Objektivität zu tun. Über "annehmen", bzw. "Glauben", kann man auch offen und ehrlich reden. Ohne den diplomatisierten Plop der "objektiven Annahme" für "systemische" Betrachtungen ins Hirn der Menschen zu waschen. Man kann auch schlicht und einfach versuchen, sich in die Menschen hineinzudenken. Aber das ist ja nicht objektiv, oder? Also, was tun? Zumindest die Menschen mal wieder als solche betrachten und nicht als Objekte. Wäre das eine Möglichkeit? Ich bin wahrhaft kein Anhänger alter ergrauter Denker die immer wieder nach Bedarf zitiert werden. Aber in diesem Fall; Lebenswelten statt Systeme? Den großen Irrtum eingestehen, überhaupt versucht zu haben Systemtheorie auf Menschen und ihre Umgebung anzuwenden?


11 Kommentare

Nächstes   Vorheriges   Übersicht   Startseite   Links  
  Blogs   Übersicht   Aktuell RSS Feed 2.0
Endgültig gaga.

Archiv 2009   2010
Warum Antiferengi?
Politisches   Gesellschaftliches
ThinkTankTrends   Umwelt
Erbauliches,Satire   Brainstorm
Sci-Fi,Forschung   Unsortiertes

Texte   Übersicht   Aktuell RSS Feed 2.0
Bioengineers Schaltpraxis 4

Artikel   Sci-Fi
Basteleien   Unsortiertes

Bilder   Übersicht   Aktuell RSS Feed 2.0
Faces 2

Natürliches   Kultürliches
Großes   Kleines   Kreatives
Kurioses   Unsortiertes

Antis extrablaue Welt
Selbstbauteleskope   Raumfahrt

Sonstiges
Zonenhinweise   Impressum




Blogroll------

ad-sinistram
Nomen non est omen
aebby LOG
der Kern des sich abschaffenden Deutschlands
de Tempore
Abschied nehmen
Dori Sig
Fareo parliement member refuses to dine with Icelands gay Prime Minister
Fenrir
Aug in Aug
Feynsinn
Serverumzug [Done]
Geheimrätin
Stuttgart 21 – Bei Abriss Aufstand
Geheimrätins Mediathek
Antrax War
Guardian of the Blind
Sarrazin, mein Held!
Kinderwarte
Liebes Kind,
Christian Klotz
Meinungsvielfalt
Kritik und Kunst
Genova
LobbyControl
Geheimabkommen zwischen Regierung und Atomlobby - LobbyControl fordert Offenlegung
Lupe, der Satire-Blog
Staat Sex Amen
Neutron News
Hitchins
Notizen aus der Unterwelt
Der Berliner Antisemitismusstreit im 1900 Jahrhundert oder: Ist Sarrazin ein neuer Treitschke?
Oeffinger Freidenker
Mal was grundsätzliches...zu Wahlen
Paulinchen ist allein zu Haus
Bonmots
Systemfrage21
Die Deflation als der sichere Weg von der Rezession in den Untergang
Ware Lüge
ich frag mal…
Zeitgeistlos
Großdemonstration: Freiheit statt Angst

Links------
Abzocker watchblog
Als-ob-Leben
Binsenbrenner
ComputerBilly
Crochety Old Man Yells At Cars.
Demokratie ist wichtig
Denn sie wissen, was sie tun
Underdog d.J.2009: Der Morgen
Underdog d.J.2010: Die roten Schuhe
Duckhome
endless.good.news
Exportabel
German Watch, Jean Ziegler
Heut schon gedacht
Infoportal Deutschland & Globalisierung
Klima Lügen Detektor
Lebenshaus Schwäbische Alb
Man fasst es nicht
Meinpolitikblog
Michael Schöfer
Mutantenstadl
My Dad'´s a Communist
Nachdenkseiten
Anji Patchwork
Persiana 451
Politics Lobby8
Presse Club
Schul Kritik
Seelensplitter
Sinnundunsinn
so-zi-al
Spiegelfechter
Trueten.de
Umoja - Network for Afrika
Weissgarnix
Yellow Swordfish
Zynaesthesie

KreativLinks
Atelier Kolar
Baertierchen
Boelters
Flickr Scotland Blog
Kalliopevorleserin
Kopperschlaeger
KueperPunk
MAF Räderscheidt
Magnifikatz
Michael K.Trout
Peonia
Tilla Pe
Tetti
Rainer Unsinn
Zeitgeistlos Hauptseite

LinksLinks
Hamburg Links
Solinger Linke

AntiBertelsmann
Labournet
nokturnaltimes
Wiki AK Bertelsmann
Steffen Roski
Bertelsmann Kritik
anti-bertelsmann

Hinweis----